Was können Eltern tun?

Ilona Löffler und Susanne Wahl

Wenn Ihrem Kind die Hausaufgaben sehr schwerfallen und es ohne Ihre Hilfe nicht zurechtkommt, wenn es trödelt, verweigert oder nur mit Konflikten zu den Hausaufgaben zu bewegen ist, lassen Sie sich beraten, was sie weiter tun sollen. Das Verhalten Ihres Kindes hat möglichweise folgenden Hintergrund:

  • Es kann dem Klassenunterricht, der auf dem Lehrplan Deutsch aufbaut, für sich nicht angemessen als Lernangebot nutzen. In dieser Situation befinden sich lese- und/oder rechtschreibschwache Kinder und Jugendliche.
  • Wenn ein Kind auf Dauer hinter den Zielen des Lehrplans zurückbleibt, klaffen die individuellen Voraussetzungen und der Unterricht, der die Lehrplanziele einhalten muss, immer weiter auseinander, d.h. die Lücken werden immer größer.
  • Wir haben in zwei großen wissenschaftlichen Untersuchungen überprüft, dass sich die fehlerhaften Schreibvarianten rechtschreibschwacher Kinder von Klassestufe zu Klassestufe stark vermehren. Zweitklässler schreiben z.B. die Fehlerquelle „tz“ z.B. in „Matratze“ mit 4 Varianten („Matratse, Matraze, Matrate, Matrase“). Bei rechtschreibschwachen Viertklässlern hat sich diese Fehlerquelle verdreifacht.

Es ist einfach besser sich durch eine testdiagnostische Überprüfung Sicherheit zu verschaffen, als einfach abzuwarten und im schlimmsten Fall mitzuerleben, wie sich eine Lese-Rechtschreibschwäche auf die Lernfreude und den Lernerfolg des Kindes auswirkt. Lassen Sie nicht zu, dass sich langsam das Urteil einstellt, dass Ihr Kind ein „schlechter“ Schüler sei.


Kinder sind verschieden und lernen natürlich unterschiedlich. Das eine Kind lernt langsamer und hat mehr Mühe mit dem Lesen und Schreiben, das andere lernt leichter und schneller. Jedes Kind, das beginnt, Lesen und Schreiben zu lernen, macht Fehler. Das gehört dazu, wenn man Dinge erst lernt. Dann verringern sich die Fehler, das Kind macht Lernfortschritte je länger der Lernprozess dauert und je länger das Lesen und Schreiben eingeübt wird. Der Lernprozess von Kindern mit Lese-Rechtschreibschwächen unterscheidet sich jedoch von einem solchen normalen Lernverlauf durch das Ausmaß und die Beharrlichkeit der Probleme, die dem Kind das Erlernen des Schreibens oder Lesens bereiten.

  • Die Fehleranzahl im Schreiben ist es, die Eltern zunächst auffallen wird
  • dasselbe Wort wird heute richtig und morgen wieder falsch geschrieben
  • manches schwere Wort wird richtig, leichte werden hingegen falsch geschrieben
  • auch vermehrtes Üben vermindert die Fehlermenge nicht und im Diktat am nächsten Tag sind wieder so viele Wörter falsch
  • es kommt einfach nicht zu stabilen Fortschritten

Die Symptome, die Fachleute bei der Diagnose einer Lese-Rechtschreibschwäche berücksichtigen, sind in unserer Checkliste für Eltern aufgeführt. Wenn Sie unseren Rat suchen, dann füllen Sie diese Checkliste aus. Wir werden die von Ihnen angekreuzten Auffälligkeiten analysieren und gewichten und Ihnen auf dieser Grundlage raten, was Sie tun sollen.

Es kann zum einen sein, dass durch den enormen häuslichen Übungsaufwand, der mit lese-rechtschreibschwachen Kindern gutgemeint betrieben wird, das Vorliegen einer Lese-Rechtschreibschwäche zunächst nicht auffällt. Erst in späteren Schuljahren, wenn die schulischen Anforderungen steigen, tritt die Lese-Rechtschreibschwäche zutage. Eltern sollen in der Schule von ihren Beobachtungen zu Hause und vom täglichen Übungsaufwand berichten.






Es kann zum andern sein, dass eine Lese-Rechtschreibschwäche in falsche Schubladen wie Dummheit oder Faulheit gesteckt wird. Kinder mit Lese-Rechtschreibschwächen meiden möglichst alle Tätigkeiten, die mit Lesen und Schreiben zu tun haben. Sie lernen meist nur unter massivem Druck oder kurz vor einer Prüfung. Dieses Vermeidungsverhalten ruft den Eindruck hervor, dass das betroffene Kind nicht üben wolle, es sei eben zu faul. Aber solche „Vorurteile“ verhindern leider, dass den Problemen mittels einer testdiagnostischen Überprüfung auf den Grund gegangen wird.




Es reicht, wenn Sie den Verlauf des Lesenlernens Ihres Kindes in der 1. und 2.  Klasse genau beobachten. Wir haben zu Ihrer Hilfe nachfolgende Lese-Checkliste zusammengestellt:


Wenn Ihr Kind


  • auffällige Probleme hat, die Buchstaben zu benennen oder zu lautieren
  • einzelne Buchstaben nicht zu größeren Einheiten zusammenfassen kann und es nicht schafft, sie zum Wort zusammenzuziehen
  • Einzellaute, die es gerade entschlüsselt hat, nicht in seinem „Arbeitsgedächtnis“ behalten kann
  • erst bei längeren Wörtern scheitert, weil es am Ende des Wortes vergessen hat, wie der Wortanfang lautete
  • selbst bei Wörtern, die häufig in Texten auftauchen, Schwierigkeiten hat, sie zu erlesen
  • einzelne Wörter nur mit äußerster Anstrengung lesen kann
  • unruhig und unmotiviert wird, weil es sich so anstrengen muss.


Checkliste bei Lese- und Rechtschreibschwäche

  • Am Ende der zweiten Klasse sollten Kinder den Sinn aus altersentsprechenden Lesetexten verstehend erlesen.
  • Am Ende der vierten Grundschulklasse haben die Lesefähigkeiten den Stand des erwachsenen Durchschnittlesers erreicht. Ab diesem Zeitpunkt verbessert sich lediglich die Lesegeschwindigkeit und das Leseverständnis bei schwierigen Texten.


Wenn bei Ihrem Kind die Entwicklung seiner Lesefähigkeit nicht wie beschrieben verläuft, dann sollten Sie überprüfen lassen, ob es notwendig ist, eine Leseförderung, wie wir Sie mit unseren Leseprogrammen Lese-Laus und Lese-Salz anbieten, in Anspruch zu nehmen.

Lesen ist für uns, die über eine gute Lesefähigkeit verfügen, einfach: Wir entnehmen dem Text direkt die Bedeutung und wissen, was wir gelesen haben.

Für Leseanfänger ist Lesen nicht damit vergleichbar. Bereits auf den ersten Stufen des Lesenlernens, nämlich Buchstaben in Laute zu übersetzen und zusammenzuschleifen, können Hürden errichtet sein, die verhindern, dass der Lernprozess voranschreitet und größere Einheiten erlesen werden können.






Um das ganze Wortbild erkennen zu können, müssen Leseanfänger die unzusammenhängenden Laute einer Buchstabenfolge erst zu einem Gesamtklang zusammenführen. Wenn sie sich jedoch die gerade entschlüsselten Laute nicht merken können, können sie sie nicht zu einem Wort zusammenziehen. Ein gut funktionierendes Arbeitsgedächtnis ist daher eine der wichtigen Voraussetzungen für das Lesenlernen.


Lese-Laus

Die Leistungen in den anderen Fächern können aufgrund der Lese- und Schreibschwierigkeiten abfallen. Beim Rechnen tauchen z.B. schon bei den ersten kleinen Textaufgaben trotz gutem mathematischem Verständnis Lösungsschwierigkeiten auf und das Kind kann die Rechenleistungen nicht mehr erbringen, zu denen es eigentlich fähig ist.

Es gibt kein Schulfach, das ohne die Schlüsselqualifikation Lesen und Schreiben auskommt. Was andere Kinder selbstverständlich leisten, ist für diese Kinder eine besondere Anforderung und Anstrengung:

  • unterrichtsvorbereitende Texte etwa für den Sachunterricht oder in den weiterführenden Schulen für sämtliche Nebenfächer lesen
  • Arbeitsanweisungen oder Textaufgaben lesen und verstehen
  • Tafelbilder oder Hausaufgaben abschreiben, in den weiterführenden Schulen wichtige Lerninhalte mitschreiben
  • eigene Texte (Aufsätze, Referate etc.) verfassen.

Der Leistungsabfall in anderen Fächern ist also nicht verwunderlich. Erstaunlich ist eher der umgekehrte Fall, dass ein Kind trotz seiner Schwierigkeiten im Lesen und Schreiben den Klassendurchschnitt in anderen Fächern halten kann oder manchmal sogar Bestleistungen darin erbringt.

Versagt ein Kind nicht nur im Lesen und Schreiben, sondern auch in anderen Fächern, kann dies durchaus die Folge einer Lese-Rechtschreibschwäche sein.

Schon in den ersten Klassen können sich besondere Lernschwierigkeiten beim Erlernen des Lesens und Schreibens andeuten. Die oft geäußerte Meinung, dass es sich nur um „Anfangsschwierigkeiten“ handelte, die sich mit der Zeit von selbst „auswachsen“, kann ein folgenschwerer Irrtum sein.

Wann sind die Probleme dann eigentlich ausgewachsen? Niemand kann mit Sicherheit sagen, ob und vor allen Dingen wann sich die Lernschwierigkeiten beilegen.

Schon in den ersten beiden Grundschuljahren kann überprüft werden, ob es sich um bloße „Startschwierigkeiten“ handelt. Denn darüber sollten sich Eltern im Klaren sein: Lesen und Schreiben sind die Schlüsselfähigkeiten für jedes Lernen, weshalb sich ein Entwicklungsrückstand bei Lese-Schreibfähigkeiten schnell auf andere Fächer auswirken kann. Nicht nur im Fach Deutsch sind lese-rechtschreibschwache Schüler einer weit größeren Belastung ausgesetzt als ihre Mitschüler. Kein Schulfach kommt ohne das Lesen und Schreiben aus.

Die Leiterin unseres Instituts, Ilona Löffler, hat in der internationalen Grundschul-Lese-Untersuchung (IGLU) über 120.000 Einzelfehler der Viertklässler in Deutschland bundesweit analysiert und einwandfrei nachgewiesen, dass sich Rechtschreibschwächen nicht mit der Zeit von allein auswachsen.

IGLU – Rechtschreibkompetenz am Ende der 4.Jahrgangsstufe bundesweit gestestet – neue Ergebnisse zur Rechtschreibschwäche

Für den Leseanfänger ist die Fähigkeit des Erlesens ganzer Wörter entscheidend. Wenn die Sicherheit und Schnelligkeit des Worterkennens nicht erreicht ist, ist das Verständnis auf Wortebene und folgend Satz- und Textebene beeinträchtigt. Kleine Leserückstände können im Verlauf der Schule sogar zunehmen:

  1. Rückstand bis 2,5 Jahren:
    Wir haben die Erfahrung gemacht, dass schwache Leser*innen am Ende der 4. Klasse ähnlich große Schwierigkeiten haben wie der Durchschnitt der Leseanfänger zu Beginn der Leseentwicklung in der 1. Klasse.
  2. Rückstand bis 5 Jahren:
    Bis zum 15.Lebensjahr verdoppelt sich der Rückstand auf fünf Jahre. Auch am Ende der 8.Schulstufe lesen die schwächsten Leser*innen etwa auf dem Niveau eines Schulkindes Ende der 2. bzw. Anfang der 3.Klasse.

Das Lesetempo ist ein gutes Symptomkriterium für Eltern. Ein deutlich zu geringes Lesetempo zeigt ihnen, dass das Erkennen ganzer Wörter noch nicht automatisiert ist.

Leseschwache Schüler und Schülerinnen lesen nur halb so schnell wie gute Leser. Dieser Sachverhalt gilt für alle Jahrgangsstufen.

Neueste Forschungen haben herausgefunden, dass Leseschwache jeden Alters nur sehr kleine linguistische Einheiten verarbeiten, die unterhalb der Wortebene angesiedelt sind (Einzel-Buchstaben, Einzel-Silben). Sie überblicken keine größeren Buchstaben-Einheiten.

Zudem müssen sie zu lange bei jedem einzelnen Buchstaben verharren, weil sie die einzelne Buchstaben-Laut-Beziehung nicht schnell genug abrufen können, um zum nächsten Buchstaben übergehen zu können. Ihre „Abruf-“ oder „Benenngeschwindigkeit“ ist zu gering.

Lesen soll Freude bereiten. Ein mangelndes Lesetempo offenbart jedoch die Anstrengung, die leseschwache Kinder beim Lesen aufbringen müssen und dies bereits beim Erlesen kurzer Textstücke. Welche Mühe es für sie bedeutet, ein ganzes Buch zu lesen, ist offenkundig.

Diese Mühsal und daneben die hohe Fehleranfälligkeit ihres Lesens macht verständlich, dass das Lesen von den meisten leseschwachen Schüler*innen als frustrierend empfunden wird. Die Folge ist, dass sie es vermeiden zu lesen.

Mangelnde Übung im Lesenlernen aber hat einen großen Anteil daran, dass eine Leseschwäche aufrechterhalten wird.

Experten wissen, dass sich frühe Leseschwächen zu Rechtschreibschwächen ausweiten können. Die wichtige Teilfähigkeit einer Rechtschreibkompetenz, Schreibfehler zu korrigieren, können leseschwache Kinder nicht entwickeln, weil sie nicht lesen können, was sie geschrieben haben.

 

 

Leseschwächen, die nicht zu Rechtschreibschwächen führen, sind im deutschen Sprachgebiet selten anzutreffen. Insbesondere in der Grundschule treten Leseschwächen und Rechtschreibschwächen oft zusammen auf. Damit Leseschwächen nicht den Lernprozess im Rechtschreiben beeinträchtigen, sollten Eltern Leseschwierigkeiten früh ernst nehmen, damit sie schnell behoben werden.

Eltern und Lehrer sollten sich nicht damit vertrösten, dass „es schon noch kommt“ oder dass das Kind eben eine „Spätzünder“ sei. Wenn ein Kind einfach nicht lesen lernt, obwohl es normal intelligent und belastbar ist, hat das meistens nicht mit mangelnder Übung zu tun. Die individuellen Gründe sind schwer zu entdecken und sollten durch Fachleute herausgefunden werden.

Eltern kommt eine wichtige Rolle in der (Früh-) Erkennung einer Lese-Rechtschreibschwäche zu, da auffällige Lernprobleme z.B. wegen der zu Hause geübten Diktate in der Schule zunächst verborgen bleiben können. Wenn bereits die ersten Schwierigkeiten beim Erlernen des Lesens und Schreibens ernst genommen und mit der Lehrkraft besprochen werden, können differenzierte Fördermaßnahmen in der Klasse sowie eine abgestimmte häusliche Unterstützung einsetzen.

 

 

  • Jedoch sollten Eltern und Lehrer nach drei Monaten neu entscheiden, ob die schulischen Möglichkeiten der Förderung ausreichen oder ob eine detaillierte Untersuchung der Lernprobleme durch einen Spezialisten durchgeführt werden sollte.
  • Versagt ein Kind nicht nur im Lesen oder im Schreiben, sondern auch in anderen Fächern, sollte nicht einfach auf mangelnde Begabung geschlossen werden. Fallen die Leistungen in anderen Fächern ab, kann dies durchaus die Folge einer bisher unerkannt gebliebenen Lese-Rechtschreibschwäche bzw. einer Legasthenie sein.

Derartige Prognosen sind beruhigend gemeint und es ist sicherlich auch richtig, dass anfängliche Schwierigkeiten beim Lesen- und Schreibenlernen nicht gleich ein Hinweis auf eine Lese- oder Rechtschreibschwäche sind.

Bereits in den ersten Klassen können sich ernsthafte Lernschwierigkeiten im Lesen und Schreiben jedoch ankündigen. Die weit verbreitete Auffassung, es handele sich um „Anfangsschwierigkeiten“, die sich mit der Zeit „von selbst geben“ würden, kann ein folgenschwerer Irrtum sein.

An den lese- und rechtschreibschwachen Schülerinnen und Schülern in der 3. und 4. Grundschulklasse und auch in den höheren Klassen der weiterführenden Schulen kann man ablesen, dass ihre Lese-Rechtschreibschwäche sie von Klassenstufe zu Klassestufe begleitet hat.