Vorurteile mit fatalen Folgen:
Dumm, faul und unkonzentriert!

Ilona Löffler und Susanne Wahl

Kinder sollen Lesen und Schreiben in der Zeit lernen, die in der Institution Schule dafür vorgesehen ist. Manche von ihnen zeigen hierbei Schwierigkeiten, die Eltern nicht erwartet hätten, weil mehr in ihnen steckt, andere scheitern fast völlig. Was ist der Grund?

Wer Lesen und Schreiben nicht so schnell und so gut erlernt wie andere sieht sich häufig Vorwürfen wie „dumm“ oder „faul“ oder „unkonzentriert“ ausgesetzt.

Lernprobleme können jedoch sehr unterschiedliche Gründe haben: Vielleicht brauchen manche Kinder einfach mehr Zeit als man ihnen lässt, vielleicht brauchen sie einen anderen Weg, um das Lesen und Schreiben zu lernen, als der bisher eingeschlagene oder vielleicht hakt der Lernprozess an einer bestimmten Stelle, die bisher nicht erkannt wurde.

Nur wenn man herausgefunden hat, wie sich die Lernschwierigkeiten im konkreten Einzelfall erklären, kann man tatsächlich helfen.

Fehleinschätzung wie „dumm“, „faul“ oder „unkonzentriert“ sind Irrtümer mit fatalen praktischen Folgen für die betroffenen Kinder. Sie wirken sich auf das Selbstbild der Kinder aus und beeinträchtigen sie zusätzlich zu ihren Lernproblemen.

Die Lustlosigkeit gegenüber dem Lesen und Schreiben, die wir bei einem großen Teil der lese- und rechtschreibschwachen Kinder und Jugendlichen antreffen, ihre Abwehrhaltung gegenüber schriftlichen Anforderungssituationen, letztendlich gegen alles, was nach Text und Büchern aussieht, verursacht eine Lese-Rechtschreibschwäche mit.

Warum? Weil Lese-Schreibfertigkeiten, auch wenn sie unzureichend ausgebildet sind, einfach nicht angewendet werden.

Lese-rechtschreibschwache Kinder werden schnell für „dumm“ gehalten, weil man daran gewöhnt ist, Intelligenz und Bildungsfähigkeit daran zu messen, ob die „Kulturtechniken“ Lesen und Schreiben beherrscht werden.

Lesen und Schreiben sind tatsächlich auch keine Schulfächer wie jedes andere, auch wenn sie in der Schule als Fach neben anderen Schulfächern auftauchen. Sie sind die Grundlage für alle anderen Fächer in der Schule, für Lernen überhaupt. Wer über diese Schlüsselkompetenzen nicht ausreichend verfügt, läuft Gefahr, in allen wichtigen Schulfächern abzurutschen, da die schriftliche Aufnahme, Verarbeitung und Wiedergabe von Informationen aller Art in den unterschiedlichsten Sachgebieten beeinträchtigt ist.

Bereits in den ersten beiden Schuljahren wird ein Kind dem Verdacht ausgesetzt, minderbegabt zu sein. „Kapierst du das denn nie?“ bekommen die betroffenen Kinder nicht nur einmal zu hören, wenn sie nach Stunden des Übens immer noch Fehler machen. Und die eine oder andere verzweifelte Mutter beginnt in ihrem tiefsten Inneren an der Verstandesleistung ihres Kindes zu zweifeln.

Da Lese-Rechtschreibschwächen darüber hinaus oft mit einem schlechten und unleserlichen Schriftbild einhergehen (Fehler „verstecken“), schlechter Heftführung („schmieren“, Wörter durchstreichen) und anderen Mängeln des persönlichen Arbeitsstils (impulsives Arbeiten) steht die Gesamtbeurteilung fest. Das Kind hat eine mangelhafte Intelligenz.

 Einem kleinen Jungen war es wichtig, uns bei seinem ersten Besuch darauf hinzuweisen: „Ich habe keine Probleme im Kopf. Die Wörter, die ich lesen und schreiben soll, machen mir Probleme“. Da hat er genau den Punkt getroffen.

Viele dieser Kinder zeigen in ihren Leistungen im Rechen- oder Sachkundeunterricht, dass sie Zusammenhänge gut und logisch erfassen. Selbst der Umgang, den lese- oder rechtschreibschwache Kinder mit ihren Schwierigkeiten normalerweise pflegen, die Strategien, mit denen sie ihre Schwächen zu kompensieren suchen, sind anschauliche Belege dafür, dass sie nicht dumm sind.

So gibt es Kinder, die ihre Lehrer dadurch verblüffen, dass sie fließend „vorlesen“ und dabei das Lesebuch verkehrt herum halten.

 

 

Ein Kind sollte seiner Mutter einen kurzen Text vorlesen, der den Titel trug: „Warum wedeln Hunde mit dem Schwanz?“ Als Kontrolle sollte es der Mutter danach erzählen, was es gelesen hatte. Es konnte aber nur drei Wörter erlesen: „Hunde“, „Wurst“, „Schwanz“. Sie dienten ihm als Stichwörter, daraus eine stimmige Geschichte zu erzählen. Erst die Nachfrage, welche Färbung das Fell der Hunde gehabt hätten, offenbarte der Mutter, dass die vorgelesene Geschichte frei erfunden war.

Häufig gibt es noch die Ansicht, dass die betroffenen Kinder im Grunde zu „faul“ beim Erlernen des Lesens und Schreibens seien und eben zu Hause nicht genug geübt hätten. Erwachsene, denen Schreiben und Lesen etwas ganz Selbstverständliches (geworden!) sind, meinen oft, dass das Lesen und Schreiben der „Muttersprache“ doch das Einfachste von der Welt sei und nur eine Frage des guten Willens.

Während man für falsch gelöste Mathematikaufgaben noch ein gewisses Verständnis hat, wird bei Rechtschreib- und Leseproblemen vermutet, dass das betreffende Kind einfach nicht ausreichend genug geübt hat.

Lese-rechtschreibschwache Kindern verhalten sich oft so als seien sie einfach nur faul. Sie scheinen keine Lust zu haben, ihre Hausaufgaben zu machen, müssen ständig dazu angehalten werden, trödeln herum und sitzen zu guter Letzt widerwillig vor ihren Heften.

 

 

Sie eignen sich früher oder später die verschiedensten Vermeidungsstrategien an, um schriftlichen Lern- und Anforderungssituationen zu entfliehen. In Lese- und Schreibsituationen haben sie sich immer blamiert – vor ihren Eltern, ihren Lehrern, der Klasse und vor sich selbst. Weil das Kind täglich Misserfolge erntet, zieht es für sich den Schluss, dass es im Lesen und Schreiben nie so gut wird wie die anderen. Sein Selbstwertgefühl leidet, es wird mutlos und vermeidet jede Anstrengung und Übungssituation, um keine neuen Misserfolge einstecken zu müssen.

Es ist dieses Vermeidungsverhalten, das in ihrem Umfeld zu dem Urteil führt, dass sie eben die Bereitschaft, sich anzustrengen, vermissen lassen. So entziehen sie sich z.B. häuslichen Übungssituationen mit Hilfe von Tränen, haben keinen Bock, weigern sich trotzig oder mit Wutanfällen.

Dann gibt es auch charmantere Varianten, sich zu entziehen und dennoch einen guten Eindruck zu hinterlassen. Man versucht, die Mutter von ihrem Übungsvorhaben abzubringen, indem man sie in ein interessantes Gespräch verwickelt: „Du, ich muss dir noch was erzählen …“. Ein Drittklässler, dessen Großeltern in Wien wohnten, musste unbedingt, gerade als Üben anstand, seiner Mutter das Wiener U-Bahnnetz auf ein Blatt aufzeichnen. Als er zu Ende war hatte sie keine Zeit mehr und musste das Abendbrot vorbereiten.

Gerade wenn bei Kindern nur im Lesen oder Rechtschreiben schlechte Leistungen auftauchen und sonst nicht, ist die Überzeugung, sie könnten, wenn sie nur wollten, schnell bei der Hand. So verkehrt sich für lese- oder rechtschreibschwache Kinder der Vorteil, in den anderen Unterrichtsfächern keine Lernschwierigkeiten zu haben, zu ihrem Nachteil: Ihnen werden Vorwürfe gemacht, faul zu sein, und es werden Strafmaßnahmen ersonnen, damit sie sich beim Lesen und Schreiben mehr anstrengen und mehr tun.

Dabei wird vergessen, sich die Frage zu stellen, warum sie sich in anderen Bereichen anstrengen würden, beim Lesen und Schreiben aber nicht.

 

 

Bei Kindern mit Lese- und/oder Rechtschreibproblemen ist sehr oft ein Konzentrationsmangel zu beobachten und sie ermüden schneller als andere. Sie sind ständig überfordert und stehen unter Druck.

Auch ihre Lustlosigkeit gegenüber dem Lesen und Schreiben, die wir bei einem großen Teil der lese- und rechtschreibschwachen Kinder und Jugendlichen antreffen, ihre Abwehrhaltung gegenüber schriftlichen Anforderungssituationen, letztendlich gegen alles, was nach Text und Büchern aussieht, nährt den Eindruck, sie seien unkonzentriert.

Richtig ist, dass dieses Verhalten eine Lese-Rechtschreibschwäche mitverursacht. Warum? Weil Lese-Schreibfertigkeiten, auch wenn sie unzureichend ausgebildet sind, einfach nicht angewendet werden.

Der Lese- und Schreibvorgang verlangt von ihnen ein permanent erhöhtes Anstrengungs- und Konzentrationsniveau ab, das sich jedoch beim besten Willen nicht über längere Zeit aufrechterhalten lässt. Ihr Problem ist also nicht eine generelle Konzentrationsschwäche, wie man vermuten könnte, sondern eine zu hohe Konzentrationsanspannung, die psycho-physisch nicht über eine längere Dauer gehalten werden kann.

Hinzu kommt, dass man zur Konzentration Ruhe benötigt. Wir meinen hier die innere Ruhe. Ein Kind mit Lese-/Schreibproblemen hat sie nicht. Es ist beunruhigt, ob im Unterricht sein Name fällt, ob es gleich vor der Klasse laut vorlesen oder etwas an die Tafel schreiben soll.

Wie soll es seine Aufmerksamkeit ungeteilt auf die Übungsaufgabe oder das Diktat ausrichten können, wenn es permanent daran denken muss, nicht schon wieder so viele Fehler zu machen?

Auch Sorgen der Eltern übertragen sich auf das Kind. Weil es aber die Sorgen nicht einordnen und überblicken kann wie die Erwachsenen, ist es zum großen Teil noch stärker als die eigenen Eltern beunruhigt.

Bei lese-rechtschreibschwachen Kindern jeden Alters kann darüber hinaus beobachtet werden, dass sich ihre Angespanntheit, Rechtschreibfehler zu vermeiden, auf eine übermäßige Kontrolle ihrer Schreibbewegung verlagert statt auf die Kontrolle des Geschriebenen. Die Folge ist, dass sie sich schreibmotorisch mehr anstrengen und sich ihr Schreibfluss verlangsamt. („Ich bin nicht mitgekommen“, „Die Lehrerin hat zu schnell diktiert“).