Hausaufgabenstress

Ilona Löffler und Susanne Wahl

Mit lese-rechtschreibschwachen Kindern sind die täglichen Hausaufgaben Stress für alle Beteiligten. Wenn Eltern sehen müssen wie sich ihr Kind quält, dann leiden sie mit und können nur selten die nötige Distanz aufbringen. Sie fühlen sich durch die Hausaufgabensituation und die Reaktionen ihres Kindes oft überfordert. Wenn es trotz guten Zuredens nochmals zu üben immer wieder nicht klappt, können ihnen auch die Nerven durchgehen.

Kinder, die mit dem Lesen und Schreiben nicht so recht mitkommen, sind natürlich froh, wenn die letzte Schulstunde vorüber ist. Wie alle Schulkinder brauchen auch sie Zeit, ihre Spiel-, Erholungs- und motorischen Bedürfnisse auszuleben. Diese Zeit ist jedoch für sie durch die vermehrte Übungszeit verkürzt, obwohl gerade sie Aktivitäten brauchen, in denen sie sich beweisen oder schlicht einmal „abschalten“ können. Dass es am Nachmittag erneut mit dem Lesen und Schreiben weitergehen soll, ist für sie Last und Mühe, der sie nicht gern nachkommen. Die Eltern-Kind-Beziehung wird durch die tägliche Hausaufgabenpraxis und durch den zusätzlichen Aufwand, Rückstände aufzuholen, extrem belastet.

Bei den Hausaufgaben erleben lese-rechtschreibschwache Kinder in der Regel wie bereits vormittags in der Schule, dass sie es nicht können. Lesen und Schreiben ist für sie nur „ätzend“. Sie sind lustlos und versuchen natürlich, es zu meiden. So sind die häuslichen Übungssituationen mehr und mehr mit Konflikten angereichert.

Das Kind wehrt sich, ständig in Versagenssituationen zu kommen, sträubt sich nachhaltig, weint oder wird bockig und manche verweigern sich schließlich ganz. Das Vermeiden von Lernsituationen wie die Hausaufgabensituation ist die typische Reaktion eines lese-rechtschreibschwachen Kindes.

 

 

Die Ausbrüche genervter Eltern: „Du brauchst immer so lange“, „Du konzentrierst dich nicht genug!“, „Du merkst dir die einfachsten Wörter nicht!“ wirken sich auf den emotionalen Umgang zwischen Eltern und Kind aus und bestimmen das Klima für den Rest des Tages. Umgekehrt will das Kind es richtig machen, damit der Haussegen nicht schief hängt. Und weil es das nicht schafft, fühlt es sich schuldig, dass seine Eltern unglücklich und ärgerlich sind.

Die Rückgabe des Diktats, für das so viel geübt worden war („20 Fehler, deshalb Note 5“), ist ein wiederkehrendes Drama für Eltern und Kind. Eltern kommen in die Lage, sich verteidigen zu müssen, weil sie in der eigenen Familie oder in der Schule dem Vorwurf ausgesetzt sind, nicht genug geübt zu haben.

Die Beziehung zwischen Kind und Eltern, aber auch zwischen den Eltern, kann im Zusammenhang mit Schule zu einem chronischen zwischenmenschlichen Stress werden. Die Leistungsprobleme und Verhaltensreaktionen prägen die Sicht auf das Kind. Nicht wenige Eltern lese-rechtschreibschwacher Kinder fürchten um die emotionale Beziehung zu ihrem Kind: „Die Beziehung zwischen mir und meiner Tochter geht kaputt. Es gibt nur noch Probleme und nichts Schönes mehr zwischen uns“. Eltern wie Kind kommen in die Situation, dass sie im Grunde nicht mehr wissen, was sie tun sollen. Die Eltern machen sich selbst (und sich gegenseitig) Vorwürfe, entwickeln Schuldgefühle, dabei haben sie sich nichts vorzuwerfen.

Eltern sollen sich aus dem Teufelskreis von Selbstvorwürfen und Vorhaltungen befreien. Denn wenn gravierende Lese- oder Schreibschwierigkeiten vorliegen, können sie stabile Lernfortschritte nicht schaffen und sind damit objektiv überfordert.