Was ist Legasthenie?

Ilona Löffler und Susanne Wahl

Wissenschaftliche Sicht

Unter einer Legasthenie wird eine Lernstörung verstanden, trotz guter Auffassungsgabe altersentsprechend das Lesen und/oder das Schreiben zu erlernen.

Weitere gebräuchliche Bezeichnungen sind Dyslexie, Lese-Rechtschreibschwäche, Lese-Rechtschreibstörung und isolierte Rechtschreibstörung. Bei manchen Kindern und Jugendlichen tritt ausschließlich eine Rechtschreibstörung auf, meistens treten Lesestörung und Rechtschreibstörung allerdings gemeinsam auf.
Legasthenie ist gekennzeichnet durch erhebliche Beeinträchtigungen der Rechtschreib- und/oder Lesefähigkeit, mit hinzutreten können Störungen der Konzentration und Daueraufmerksamkeit, impulsives Arbeitsverhalten sowie psychoreaktive Belastungsreaktionen.

Kinder mit mangelndem Lese- und/oder Schreibvermögen sind in allen schulischen Fächern und Sachgebieten beeinträchtigt, sobald sie Informationen in Textform aufnehmen, verarbeiten und wiedergeben sollen.

Bekannt sind die Leistungseinbrüche im Rechnen, wenn die ersten Textaufgaben kommen.

 

 

Die Überlegung, welche weiterführende Schule die richtige für das Kind ist, wird entscheidend von den Leistungen im Lesen und Schreiben bestimmt:
„Mit seinen sonstigen Leistungen hätte er auf das Gymnasium gehen können, aber nicht mit diesen Rechtschreibfehlern“ führt oft zu einer Schulwegentscheidung die unter den Bildungsmöglichkeiten des Kindes liegt.

Dass lese-rechtschreibschwache Kinder und Jugendliche nicht nur in der Schule, sondern auch im häuslichen Leben vor Probleme gestellt sind, wird oft übersehen. Dass sie nur mangelhaft Lesen können, fällt zu Hause im Alltag nicht auf, weil die Familie aushilft und für ihr Kind alle Aufgaben, die ohne Lesen und Schreiben nicht zu bewältigen sind, erledigt.

Eltern und Geschwister verzichten im Alltag mit ihrem Kind auf die Schriftform, ohne dass sie sich dessen bewusst sind:

  • Sie übertragen Aufgaben, die mit Lesen und Schreiben zu tun haben wie z.B. Einkaufen, lieber an die kleinere Schwester („die ist einfach fixer“).
  • Wenn von den Urlaubsgrüßen des gleichaltrigen Freundes nur einzelne Wörter erlesen werden können, liest die Mutter die Karte vor.
  • Einkaufszettel lesen, Anrufe für die Eltern notieren, eine Telefonnummer suchen, Erinnerungsnotizen hinterlassen sind Aufgaben, die das Kind nicht gut erledigen kann.
  • Wenn statt der süßen Sahne der Sauerrahm aus dem Kühlschrank geholt wird, wird statt auf die „Aufschrift“ auf den Becher mit dem „blauen“ Deckel hingewiesen.

Wie sieht es aber aus, wenn der schützende Arm der Familie endet? Auch Kinder haben ein gesellschaftliches Leben, das sich außerhalb des familiären Alltags abspielt. Wenn sie hier in Situationen kommen, in denen ihre Lese-Rechtschreibschwierigkeiten öffentlich werden, machen sie die leidvolle Erfahrung, dass sie „auffallen“. Sie genügen einer „Normalität“ nicht, die von ihnen erwartet wird.

„Kannst du denn schon lesen und schreiben?“ hören Kinder von allen Seiten, kaum dass sie einige Monate die Schule besuchen. Schon zu Lernbeginn können die Kleinen mit ihren Lernproblemen ins Abseits geraten. Sie kommen in die Lage, Vorkehrungen zu treffen, dass „es“ nicht herauskommt:

Eine Mutter erzählte uns, dass ihre Tochter nach einem Kindergeburtstag nie wieder an solchen Zusammentreffen teilnehmen wollte. Was war geschehen?

Die Kinder hatten ein Frage-Antwort-Spiel begonnen und die Mütterrunde im Hintergrund beobachtete bei Kaffee und Kuchen den Spielverlauf. Jedes der Kinder, selbst der kleine Ausländerjunge, las die kurze Frage bzw. Antwort auf seiner Karte vor. Ihre Tochter war als einzige dazu nicht in der Lage. Allen wurde es deutlich. Alle bekamen es mit. Sie konnte nicht mitspielen. Sie stand abseits, während das Spiel weiterlief. Der Mutter brach es fast das Herz. Die mitleidigen Blicke der anwesenden Mütter, deren heimlicher Stolz auf die Leistung des eigenen Sprösslings, und deren Trost als das Mädchen schließlich zu weinen begann: „Das wird schon noch“, waren für Kind und Mutter kein Trost.

In einem Alter, wo die gleichaltrigen Freunde schon ihre Mobilität genießen und in die Stadt fahren, einen Jahresausweis für Bus und U-Bahn besitzen oder sonstige Unternehmungen selbstständig betreiben, bleibt das lese-rechtschreibschwache Kind unselbstständig und auf Hilfe angewiesen. Zum Training des Fußballvereins fuhr eine Mutter zusammen mit ihrem Jungen so oft mit dem Bus, bis er die Knöpfe am Fahrkartenschalter in- und auswendig kannte sowie den Bus und die Haltestelle, wo er aussteigen musste. Und weil er sich vor den anderen schämte, auf dem Fußballplatz in Begleitung seiner Mutter aufzutauchen, bestand er darauf, die letzten Meter allein zu gehen. Sorgsam achtete er darauf, dass sie sich immer im Hintergrund aufhielt und nicht in die Nähe des Spielfeldes kam.

Mit Schuleintritt ist die Schule die soziale Umgebung der Kinder und zwar zu einem Großteil ihrer Zeit. In dieser Zeit befassen sie sich zum ersten Mal systematisch mit Wörtern, Silben, Lauten und Buchstaben. Lesen- und Schreibenlernen hat für die kleinen Schulanfänger eine große emotionale Bedeutung, denn es ist für sie ein Schritt in die Welt der Erwachsenen („jetzt bin ich schon groß“) und sie sind gespannt darauf, Lesen und Schreiben zu erlernen.

Dort zu versagen, kann den Verlust des Selbstwertgefühls nach sich ziehen, da sie das Versagen als Widerspiegelung ihrer mangelnden Fähigkeit empfinden. Demütigende Situationen und Bloßstellungen durch Gleichaltrige wie Erwachsene (Hänseleien, Lehrerkommentare, Elternreaktionen) können hinzutreten. Oft werden sie von Mitschülern abgelehnt oder isoliert und befürchten, nicht mehr anerkannt und gemocht zu werden – von ihrer Lehrerin, den Klassenkameraden und ihren Eltern.

Ein großer Teil der Kinder entwickelt Minderwertigkeitsgefühle. Sie vergleichen sich mit den anderen, die es besser können. Sie schließen auf ihre generelle Unterbegabung als ein quasi stabiles Persönlichkeitsmerkmal, das sie nicht verändern können: „Ich bin dumm, ich lerne das nie“.