Was ist Legasthenie?

Die wissenschaftliche Sicht:

Unter einer Legasthenie wird eine Lernstörung verstanden, altersentsprechend das Lesen und/oder das Schreiben zu erlernen. Weitere gebräuchliche Bezeichnungen sind Dyslexie, Lese-Rechtschreibschwäche, Lese-Rechtschreibstörung und isolierte Rechtschreibstörung. Bei manchen Kindern und Jugendlichen tritt ausschließlich eine Rechtschreibstörung auf, meistens treten Lesestörung und Rechtschreibstörung allerdings gemeinsam auf.
Legasthenie ist gekennzeichnet durch erhebliche Beeinträchtigungen der Rechtschreib- und/oder Lesefähigkeit, mit hinzutreten können Störungen der Konzentration und Daueraufmerksamkeit, impulsives Arbeitsverhalten sowie psychoreaktive Belastungsreaktionen.

Der international gültige Forschungsstand zur Legasthenie ist veröffentlicht in der Internationalen Klassifikation psychischer Störungen (ICD-10, Kapitel V, F) der Weltgesundheitsorganisation (WHO). Hier wird von "Lese- und Rechtschreibstörungen" und "isolierten Rechtschreibstörungen" gesprochen. Mit dieser Unterscheidung wird der Tatsache Rechnung getragen, dass bei manchen Kindern und Jugendlichen die Lernprobleme ausschließlich im Schreibenlernen auftauchen, d.h. ohne vergleichbare Probleme beim Lesenlernen. Meistens treten Lesestörung und Rechtschreibstörung allerdings gemeinsam auf.

Anfang der 90er Jahre löste ein neuer "LRS-Erlass" die Erlasse aus den 70er Jahren ab. Nun wurde der Begriff "Lese-Rechtschreib-Schwäche" bewusst durch"Lese-Rechtschreib-Schwierigkeiten" ersetzt. Damit sollte der eigentliche pädagogische Auftrag der Institution Schule wieder zum Ausdruck gebracht werden, allen Schülerinnen und Schülern im Rahmen ihrer individuellen Möglichkeiten das Lesen und Schreiben beizubringen. Nur einer Teilgruppe besondere Fördermaßnahmen zukommen zu lassen, widerspricht dem allgemeinbildenden Auftrag von Schule. Die in schulischen Zusammenhängen gebräuchliche Abkürzung "LRS" bezeichnet also allgemein "Lese-Rechtschreib-Schwierigkeiten" aller betroffenen Kinder und Jugendlichen, unabhängig von ihrer Ausprägung.

Sicherlich war auch mitbedacht, dass die Verwendung des Begriffs "Legasthenie" bei medizinischen Laien häufig die Vorstellung von Krankheit hervorruft und damit zu einer unnötigen Etikettierung, gar fatalen Stigmatisierung der Kinder und Jugendlichen beiträgt.

Außerdem konnte bislang kein überzeugendes und konsensfähiges Kriterium gefunden werden, das zu einer sinnvollen Unterscheidung verschiedener Untergruppen von Personen mit Lese-Rechtschreib-Schwierigkeiten geführt hätte.

Wir verwenden nach unserer Auffassung die Begriffe Lese-Rechtschreibschwäche, Lese-Rechtschreibstörung und Legasthenie gleichbedeutend. Wir kennzeichnen damit Schwierigkeiten, die objektiv dem Lernprozess im Lesen und Schreiben geschuldet sind und nicht einem „Defekt“ des Kindes. Wir betrachten unsere Kinder nicht als „Reparaturfall“, wir reparieren seine Wege, Lesen und Schreiben zu lernen und nicht das Kind selbst.

Prof. Dr. Renate Valtin und Dr. Ilona Löffler haben in IGLU die Fehler rechtschreibschwacher und legasthener Schülerinnen und Schüler miteinander verglichen. Sie schreiben im ersten IGLU-Band:
"Unterscheiden sich nun rechtschreibschwache Kinder mit unterschiedlichem Intelligenzniveau in ihren Fehlerschwerpunkten laut DoSE? Wenn dies der Fall wäre, dann wäre es sinnvoll, unterschiedliche Rechtschreibförderprogramme für beide Gruppen zu entwickeln und zu verwenden."

Sie kommen zu dem Ergebnis:
"Auch hier zeigten sich keine signifikanten Unterschiede im Fehlerprofil der beiden Gruppen."

So machen rechtschreibschwache Kinder die gleichen Fehler wie alle anderen, nur tauchen sie bei ihnen länger auf.

Analyse des schriftsprachlichen Entwicklungsprofils

Die diagnostische Erhebung der Diskrepanz zwischen den Leistungen im Schreiben und/oder im Lesen und den Leistungen, wie sie in einem Intelligenztest erhoben werden, reicht nach wissenschaftlichem Erkenntnisstand für eine LRS-Diagnose nicht mehr aus. Die Weltgesundheitsorganisation verlangt inzwischen die Erhebung eines qualitativen "Störungsmusters", d.h. die Ermittlung des individuellen Fehlerprofils. Wir haben dieses wichtige Erfordernis mit unserer Dortmunder RechtschreibfehlerAnalyse, DoRA® und den Löffler Tests von Anfang an als Standard unserer LRS-Diagnostik praktiziert. Denn Kinder lernen unterschiedlich das Lesen und Schreiben, die einen sind schneller, die anderen langsamer. Nur mit Hilfe des fehleranalytisch ermittelten Entwicklungsstandes kann angeben werden, ob die Lernschwierigkeiten noch in die altersübliche Variationen kindlicher Lernentwicklung fallen, wie sie in jedem Lernprozess auftauchen. Der fehleranalytisch ermittelte Entwicklungsstand ist die wichtigste Information, ob der Lernprozess im Lesen und Schreiben nur verzögert verläuft und man abwarten kann, da sich die Probleme noch "auswachsen" werden.

Die Auskunft, dass das Kind mit Lernproblemen wohl ein "Spätzünder" sei und sich die Probleme noch "auswachsen" würden, sollte nicht ohne eine testdiagnostische Überprüfung gegegben werden, sondern muss durch die Ermittlung des schriftsprachlichen Entwicklungsstandes und durch anamnestische Erhebungen fundiert werden.

Die Notwendigkeit der fehleranalytischen Erfassung des Entwicklungsstandes widerlegt die Auffassung des "legasthenietypischen" Rechtschreibfehlers. Es gibt keinen legasthenietypischen Fehler. Gern wird nach der Vertauschung spiegelbildlicher Buchstaben wie b-p, d-g etc. gesucht, um auf schnellem Weg eine "Legasthenie" sicher zu diagnostizieren oder auszuschließen. Es gibt keinen einzigen Rechtschreibfehler, den ausschließlich "Legastheniker" machen würden und andere Lernanfänger nicht.

 

Psychische Folgen der Legasthenie

Der Schuleintritt ist für jedes Kind eine einschneidende Erfahrung: Das bewusste Lernen rückt in den Mittelpunkt des kindlichen Lebens. Die Erfahrung von Erfolg und Misserfolg formen nun wesentlich das kindliche Selbstbild. Das Erlernen der "Kulturtechniken" des Lesens und Schreibens hat im Erleben der Kinder eine herausragende Bedeutung. Manche Kinder schließen bereits in frühem Schulalter von ihrem spezifischen Lernrückstand auf ihre generelle Unterbegabung ("ich bin dumm", "ich lerne das nie") als ein quasi unbeeinflussbares und stabiles Persönlichkeitsmerkmal. Die sich ständig wiederholenden Selbstwertverletzungen in Verbindung mit dem Schulbesuch können von ihnen oft nur unzureichend kompensiert werden.

Der Teufelskreis des Lernversagens kann typisierend in Anlehnung an verschiedene Erklärungskonzepte der Psychologie wie folgt dargestellt werden:

  • Diese Kinder erleben dauerhaften Misserfolg im Erlernen des Lesens und Schreibens. Bedingt durch dieses Versagen werden unangenehme Gefühle mit Elementen der Lernsituation verknüpft. Das Vorlesen vor der Klasse, die Person des Lehrers oder der Lehrerin, schon das Klassenzimmer oder das Schulheft können bereits Ängste und Minderwertigkeitsgefühle auslösen. Diese werden tagtäglich verstärkt und die Tendenz, die unangenehme Situation vermeiden zu wollen, wächst. Dieses Vermeidungsbedürfnis wird von den Bezugspersonen oft als bloße Unkonzentriertheit oder grundlose Unlust missverstanden. Die sozialen Folgen des Lernversagens (Ausgelachtwerden, Lehrerkommentare, Elternreaktionen) führen zu weiteren negativen Konsequenzen im emotionalen Erleben des Kindes. Je länger und je umfassender solche Prozesse wirken, desto mehr wird auch die Entwicklung allgemeiner positiver Komponenten des Lernens gefährdet: Ausdauer, Reflexivität oder Problemlöseverhalten.

 

  • Die negative Bewertung seines Leistungsverhaltens durch die Umwelt ("du brauchst immer so lange", "du konzentrierst dich nicht genug", "du merkst dir einfach nicht, wie man das Wort schreiben muss") übernimmt das Kind in sein Selbstkonzept: Es entwickelt eine negative Selbstbewertung. Diese löst sich schließlich von der Situation ab, in der sie herausgebildet wurde, habitualisiert sich und wird zum Bestandteil des sich entwickelnden Selbstbildes, das auch durch dem Misserfolgserleben widersprechende Einzelerfahrungen nicht mehr korrigiert wird: Positive Leistungen, z.B. Rechtschreibfehler aufzufinden, werden kognitiv als weiterer Beleg des Misserfolgs gewertet und verarbeitet ("mir unterlaufen immer Fehler").

 

  • Die negativen Selbstbewertungen wirken als "sich selbst erfüllende Prophezeiungen": Das Kind erwartet den Misserfolg und wird insgesamt misserfolgsorientiert. Aufgaben werden nicht mehr angegangen, da man sie "eh nicht kann" mit der Folge, dass sich die Lerndefizite weiter vergrößern und sich die negative Selbstsicht verfestigt

 

Als Folge können sich mit der Zeit Angst und Vermeidungsreaktionen verschiedener Art herausbilden:

  • Angst und depressive Verstimmungen (Prüfungsängstlichkeit, soziale Angst und Isolation, Minderwertigkeitskomplexe, Selbstverurteilungen
  • psychosomatische Symptome (Schlaflosigkeit, Durchfall, Kopf- und Bauchschmerzen im Kontext von Leistungsanforderungen)
  • Aufmerksamkeitsdefizite (inneres "Aussteigen", Unkonzentriertheit, gedankliche Unbeweglichkeit, Müdigkeit, Unlust)
  • Kompensationsverhalten zur Abwehr der Selbstwahrnehmung als Versager (externes Attribuieren von Misserfolg; Klagen über Lehrer, sie ungerecht zu beurteilen; Demonstration von Gelangweiltsein/von Kompetenz; Angebertum)
  • oppositionelles Trotzverhalten (Lernverweigerung, Trotz, Störverhalten in der Klasse, kompensatorische Clownerien, Geschwisterrivalität, Konflikte mit Gleichaltrigen, konfliktbelastetes Üben mit den Eltern).
  • Aus der Wechselwirkung von Lernversagen und den Folgen in Emotionalität und Verhalten kann der Kreislauf einer emotionalen Lern- und Leistungsstörung entstehen. Je nach den individuell zur Verfügung stehenden Verarbeitungsmechanismen, kann sich eine psychoreaktive Sekundärsymptomatik unterschiedlicher Akzentuierung und Ausprägung entwickeln.

 

Eine rechtzeitige Diagnose und Behandlung ist deshalb nicht nur für den Schulerfolg wichtig, sondern hilft auch, das Entstehen dieser sog. "Sekundärsymptomatik der Legasthenie" zu verhindern.